
In der ruhigen Stille vor dem Sonnenaufgang trete ich leise aus der Haustür unseres Zuhauses, darauf bedacht, meine Partnerin nicht zu wecken, während ich mich auf den Weg in die Garage mache. Dort habe ich mir ein provisorisches Fitness-Eck eingerichtet – und dort wartet auch jeden Morgen meine Yogamatte auf mich.
Auf der Suche nach Verwurzelung. An manchen Tagen sind die Einheiten kurz. An anderen fühlen sie sich weit und offen an. Doch jede erzählt eine Geschichte – über mich selbst, über den Moment, in dem wir gerade sind, oder über eine grössere Wahrheit, von der ich weiss, dass ich mir später am Tag noch etwas mehr Zeit nehmen muss, um darüber nachzudenken.
Wenn ich auf der Matte ankomme und durch die einzelnen Positionen gehe, höre ich darauf, was sie mir sagen wollen. Und um zuhören zu können, muss ich das übrige Rauschen ausblenden. Manchmal zeigt sich das körperlich – eine verspannte Oberschenkelrückseite nach einer Velotour oder ein Ziehen in der Schulter nach einem etwas zu ehrgeizigen Training. Manchmal ist es aber auch innerlich – ich spüre, wie verstreute Gedanken in meinem Kopf aufeinanderprallen und mich in den Tag hineinziehen wollen, der vor mir liegt.
Mehr als jede einzelne Pose ist es dieses Streben nach Erdung während meiner Yoga-Übung, das für mich eine Herausforderung bleibt. Wenn diese Welle aus Gefühlen und Empfindungen über mich hinwegspült, atme ich und versuche, meinen Fokus wieder auf diese grösseren Geschichten zu richten, die gehört werden wollen. Hinter der verspannten Muskulatur kann sich ein Gedanke über Tempo und Pausen verbergen. Mitten im Wirbel der Gedanken und Gefühle vielleicht eine Wahrheit über die beunruhigende Verfassung der Welt im Moment – in all ihrem Durcheinander.
Eine meiner Lieblingslehrerinnen sagt oft, dass es eigentlich schon im Namen steckt: Das alles ist Übung. Übung in Geduld. Übung in Reflexion. Übung in Mitgefühl. Auch wenn mein Wissen über Yoga noch klein wirkt, ist es genau diese Einladung – und die Geschichten, die dabei sichtbar werden – die mich tief berührt haben.
Ich gehöre zu den Menschen, die erst später zum Yoga gefunden haben, inspiriert durch meine Partnerin und ihre eigene Yoga-Übung. Am Anfang fühlte es sich nicht ganz stimmig an. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass vielleicht eher ich selbst nicht im Gleichgewicht war. Immer in Bewegung und ständig ein wenig angespannt, habe ich Stille und Pausen lange eher gemieden als gesucht. Heute sehe ich sie als etwas Wesentliches, das unserem Leben Bedeutung gibt – denn ohne sie: Woran erkennen wir eigentlich die Momente, aus denen unsere Zeit besteht?
Darum beginne ich meinen Tag mit Yoga. Ich weiss, dass ich mich anders fühlen werde, wenn ich die Matte verlasse, als in dem Moment, in dem ich sie betrete. Und wenn ich mit der Absicht übe zuzuhören, dann geben mir die Geschichten, die daraus entstehen, eine gewisse Form und Struktur für den Tag, der vor mir liegt.
Wenn meine Zeit auf der Matte endet und ich in den restlichen Tag übergehe, empfinde ich Dankbarkeit für diesen Moment und für alles, was er mir schenkt. Und ich wünsche mir das auch für andere: dass – ganz gleich, welche Form eure Übung annimmt – ihr im Moment sein könnt und diesen Raum nutzt, um nachzudenken und zu wachsen, durch die Geschichten, die uns jede Übung lehren kann.
Übersetzt aus dem Englischen
Alexander ist in Naarm/Melbourne zu Hause und stammt ursprünglich von der Westküste des kolonial als Kanada bekannten Landes. Er ist der Gründer von Past Futures und Autor von “I’m New Here” auf Substack, ist aber vor allem dankbar für seine Rollen als Partner, Onkel und Freund