
An den meisten Tagen merken wir sie kaum. Wir gehen, greifen, beugen uns, atmen und bewegen uns durch unser Leben, als wäre es selbstverständlich, bis uns etwas daran erinnert, dass Bewegung nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk.
Gerade jetzt, während ich dies schreibe, liege ich mit einer starken Erkältung im Bett.
Seit einer Woche gehe ich nicht spazieren, nicht ins Fitnessstudio und ich übe kein Yoga. Mein Körper lässt es nicht zu, und ich weiss, ich sollte diese Ruhepause akzeptieren. Trotzdem möchte ich mich bewegen.
Ich weiss auch, wie privilegiert diese Frustration ist. Viele Menschen leben täglich mit Beeinträchtigungen, chronischen Erkrankungen oder anderen Umständen, die ihre Bewegungsfreiheit begrenzen. Einige können gar nicht gehen, andere sind auf einen Rollstuhl angewiesen, wieder andere brauchen Hilfe, um überhaupt aus dem Bett zu kommen. Für sie ist meine vorübergehende Einschränkung Teil ihres Alltags.
Vor ein paar Monaten hatte ich die seltene Gelegenheit, anatomische Präparate zu sehen, die für medizinische Studien genutzt werden.
Es war überwältigend, sich bewusst zu machen, dass dies Menschen waren, die gelebt, geliebt, gelacht und getrauert haben. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit für meinen eigenen Körper und alles, was er mir erlaubt.
Die Schichten der Muskeln, die Anordnung der Knochen und das Netz aus Bändern und Gelenken zeigten eines sehr deutlich: Wir sind für Bewegung gemacht.
Der menschliche Körper ist dafür geschaffen, zu greifen, zu drehen, zu gehen, zu tanzen, sich auszuruhen und wieder aufzustehen. Wir sind stärker und anpassungsfähiger, als wir oft glauben.
Schon als Kinder ist selbst die einfachste Bewegung eine Reise.
Essen zum Mund bringen, Krabbeln lernen, die ersten unsicheren Schritte. All das braucht unzählige Wiederholungen. Es dauert Jahre, um aufrecht und selbstbewusst zu gehen, und doch erwarten wir als Erwachsene oft schnellen Fortschritt.
Das gleiche gilt für Yoga. Eine Haltung oder Pose wird nicht über Nacht mühelos. Es ist Übung, Übung, Übung.
Denk an Sportler: was sie können, ist aussergewöhnlich, aber kein Zufall. Es ist das Ergebnis vieler kleiner, konsequenter Schritte über die Zeit, eine Art «Compound effect», bei dem kleine Taten grosse Veränderungen bewirken.
Du musst nicht besonders sportlich sein. Schon ein paar konzentrierte Minuten bewusster Bewegung am Tag können nach und nach deine Beziehung zu deinem Körper stärken.
Für mich ist Yoga der Ort, an dem all dies zusammenkommt.
Es ist mehr als Bewegung, mehr als Asana. Es ist eine Kunst, eine Philosophie und eine Wissenschaft, in einem Körper und einem Geist zugleich zu sein. Wenn ich die Matte betrete, wird mir bewusst, dass jede Pose und jeder Atemzug ein Privileg ist, besonders nach Zeiten, in denen ich mich nicht frei oder schmerzfrei bewegen konnte.
Yoga bietet einen Weg, der sich nicht hetzt und keine Perfektion verlangt. Schritt für Schritt unterstützt es dich dabei, auf das zuzugehen, was du dir wünschst oder brauchst: mehr Beweglichkeit, weniger Schmerz, mehr Präsenz und mehr Vertrauen in deinen Körper.
Du kannst einfach damit beginnen, deinen Körper wahrzunehmen, dich bewusst und achtsam zu bewegen, statt unter Druck zu handeln, und zu ehren, was dein Körper heute leisten kann.
Wenn du dich bewegen kannst, auch nur ein wenig, hast du ein starkes Privileg.
Rolle deine Matte aus oder steh einfach auf und streck dich. Spüre, wie dein Atem, deine Gelenke und deine Muskeln erwachen.
So beginnst du, das Privileg der Bewegung zu ehren: ein bewusster Atemzug, eine sanfte Bewegung, eine geduldige Übung nach der anderen.
Lise ist die Gründerin von vayamyoga in Bern, Schweiz. Sie ist eine engagierte Yogaschülerin und zertifizierte Iyengar-Yoga-Lehrerin (Level 1).