
Übersetztaus dem Englischen
Zu Iyengar Yoga kam ich kurz nach einer beängstigenden und unerwarteten Diagnose, die mich daran zweifeln liess, ob ich mich weiterhin auf intensive und häufige Ausdauertrainings verlassen konnte. Ich musste andere Wege finden, meine Energie einzuteilen und mein emotionales Gleichgewicht zu bewahren. Auf Empfehlung von Menschen, denen ich vertraute, fand ich den Weg in meine erste Iyengar-Stunde, in einem Quartierzentrum in meiner Nähe.
Die anderen in der Klasse brachten ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit: kerngesunde Menschen, die mehr Spannkraft und Beweglichkeit suchten; Menschen, die intensiv Sport trieben und Unterstützung bei der Rehabilitation verschiedenster Verletzungen suchten; und ich, mit einer kürzlich diagnostizierten degenerativen neurologischen Erkrankung. Die Lehrperson ging mit dieser Vielfalt an körperlichen Herausforderungen taktvoll und geschickt um und setzte auf Anpassungen, damit alle Anwesenden «die Praxis machten».
Angst und Verzweiflung haben mich zum Yoga gebracht; ich wusste nicht, wie ich mein Leben bewältigen sollte, wenn ich mich nicht mehr lange und schnell bewegen konnte. Ohne es zu merken, hatte ich ein feindseliges Verhältnis zu meinem Körper entwickelt, geprägt von Enttäuschung und Misstrauen. Meine Hingabe an das Yoga wuchs langsam, während sich die Wirkung der Praxis auf meinen Körper und mein Nervensystem schnell zeigte. Anfangs sah ich Yoga als Mittel, um meine anderen Aktivitäten (so gut es ging) aufrechtzuerhalten. Nach und nach wurde mir klar, dass Yoga zum Mittelpunkt meines aktiven Lebens geworden war.
Ich fand eine Lehrperson mit einem eigenen Iyengar-Yoga-Studio. Ich meldete mich für meinen ersten mehrtägigen Workshop an. Ein Jahr später nahm ich an einem zehntägigen Retreat teil, bei dem wir täglich Pranayama übten. Dabei verstand ich, dass mich am harten Cardiotraining vor allem eines angezogen hatte: den Atem zu erleben. Pranayama öffnete mir einen anderen Zugang zum Atem, einen, der vor allem betont, wie der Atem Körper, Geist und Seele verbindet. Ich begann, mehrmals pro Woche Stunden zu besuchen, darunter jede Woche eine eigene Pranayama-Stunde. Ich besuchte weiterhin Workshops, wann immer es ging, und begann eine tägliche eigene Praxis.
Dann, nach Jahrzehnten mit Yoga, wurden mir einige Dinge bewusst. Erstens: Meine Erkrankung schritt nicht fort, eine Überraschung für mich und meinen Neurologen. Zweitens: Ich hatte eine andere Beziehung zu meinem Körper gefunden. Die Vorstellung, körperliche Fähigkeiten zu verlieren, machte mir keine Angst mehr. Ich hatte so viele Menschen mit unterschiedlichsten körperlichen Bedürfnissen erlebt, die alle Iyengar Yoga mit Disziplin, Können und Ausdauer übten. Ich wusste, dass Yoga mich begleiten kann, ganz egal, welche Veränderungen mein Körper durchmacht. Drittens: Ich begann, die Verbindung von Körper, Geist und Seele im Iyengar Yoga auch abseits der Matte zu spüren.
Eine regelmässige Praxis zu Hause aufzubauen, die Asanas jeden Tag zu erforschen und die täglichen Unterschiede in meiner Praxis ohne Urteil und ohne Leistungsgedanken wahrzunehmen, führte mich in eine Zusammenarbeit mit meinem Körper. Die Präzision und der Fokus des Iyengar-Ansatzes weckten meine Neugier: Mein Körper und ich wurden Verbündete beim Erforschen von Asana und Pranayama. Ich merkte, dass mein Umgang mit jeder Art von Bewegung ausgeglichener und mutiger wurde, wenn ich meinem Körper mit Mitgefühl, Offenheit und urteilsfreier Beobachtung begegnete.
Schliesslich habe ich mich zur Yogalehrperson ausbilden und zertifizieren lassen, auch weil ich anderen Menschen helfen wollte, eine freundschaftlichere Beziehung zu ihrem Körper zu entwickeln. Unser Körper ist eine der beständigsten Beziehungen unseres Lebens. Mein Ziel im Unterricht ist es zu zeigen, dass diese Beziehung aufblühen kann, wenn wir unseren Körper wie unseren besten Freund behandeln.
Lealle ist zertifizierte Iyengar-Yogalehrerin. Sie lebt auf dem angestammten Gebiet der Coast-Salish-Völker im wunderschönen Vancouver, Kanada